Lesetipp Februar
Im Oktober vergangenen Jahres hat die Internet-Enquete-Kommission des Bundestages ihren zweiten Zwischenbericht [PDF-Download] vorgelegt. Darin enthalten ist auch der schwerwiegende Satz: „Die Enquete-Kommission sieht Schutz im Internet als Ri¬sikomanagement an.“ Die jüngste Debatte um das krude Manifest von Ansgar Heveling, CDU-Mitglied der Kommission, hat erneut gezeigt, wie leidenschaftlich, aber auch stereotyp die Diskussion verläuft. Wird das Internet zum Gegenstand von Risikomanagement? Der CASTOR unter den Medienkanälen? Und was heißt das für den Onlinejournalismus? Der Lesetipp dieses Monates hilft, die Fragen einzuschätzen.
Thomas Fischermann / Götz Hamann,
Zeitbombe Internet.
Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird,
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011.
Zeitbombe Internet.
Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird,
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011.
Das Internet steure gerade auf die “größte Krise seiner Geschichte zu”, heißt es in der Präambel des Buches der beiden Leiter des ZEIT-Wirtschaftsressorts. Viel dreuender kann der Einstieg in ein solches Thema nicht ausfallen. Auf den folgenden Seiten geben sich die Autoren auch redlich Mühe, mit vielen erschreckenden Fallbeispielen ein Bewusstsein für das Internet als Herausforderung an Risikomanagement zu schaffen.
Es ist ein sehr grundsätzlicher Zugang zum Thema, den Fischermann und Hamann gewählt haben. Schon im einleitenden Kapitel zitieren sie Forscher, die eine zunehmende Verwischung der Grenzen in der Wahrnehmung von On- und Offline, von digitalem und realem Leben feststellen. Sie zitieren Damon Darlin aus der New York Times, der iPhone und andere Smartphones als "Erweiterungen unseres Ichs“ beschreibe.
Die Bedeutung der "tipping points"
Unter Berufung auf den US-Futurologen Malcolm Gladwell beschreiben die Autoren die gleitende Entwicklung des Internets, bei der immer wieder grundsätzliche Fragen von Freiheit und Datenschutz vernachlässigt worden seien, bis dieser Prozess seinen "Tipping Point“ erreiche: "Bevor es zum Tipping Point kommt, können hunderte oder tausende kleiner Ereignisse eintreten, ohne dass sich jemand darum schert.“ Die Gründung des Internets sei ebenfalls ein „Tipping Point“ gewesen: "Wer wollte schon die Bastler und Träumer der ersten Generation ernst nehmen, als sie eine Revolution des Einkaufens, der Medien, der Demokratie und des Menschseins an sich versprachen?“
Immer wieder untermauern Fischermann und Hamann die Prognosen und Bilanzen mit eindrucksvollen Zahlen, die sie meist aus passend recherchierten Studien zitieren. So habe der IT-Sicherheitsspezialist Panda Lab im September 2010 bekannt gegeben, dass sog. "Botnetze“ in der illegalen Sphäre des Internets jede Woche 57.000 neue Betrugsseiten online stellen.
Die Übergänge sind fließend – erst recht, weil zumindest international keine übergeordneten Instanzen gibt, genau dies war ja Gründungsgedanke des Internet. Als Beispiel erwähnen die Autoren den organisierten Angriff tunesischer Behörden auf Facebook um den Jahreswechsel 2010/2011: "Die tunesischen Telekomfirmen hatten auf ihren Computern, den großen Knotenpunkten des tunesischen Internet, ein Spionageprogramm installiert. So versuchten sie, nach und nach alle Passwörter des ganzen Landes auszuspähen und die Bürger, die im Internet surften, zu überwachen.“
Der Faktor Facebook
Der Link zum Journalismus wird an dieser Stelle offensichtlich: In Tunesien wie in Ägypten blieben Facebook und Twitter trotz solcher Überwachungsaktionen zentrale Kommunikationskanäle und Garanten für unabhängige Berichterstattung – auch als Nachrichtenquelle für etablierte Medien. Geheimdienstliche Aktionen wie diese schränken das Recht auf Meinungsfreiheit ein, greifen die Menschenrechte an und bedrohen damit auch massiv jeden unabhängigen journalistischen Prozess.
Auch die Autoren kommen zu dem Schluss: "In all dem manifestiert sich eine für alle Kommunikationsmittel geltende Dualität: Teils fördern sie Freiheit und Demokratie – teils sind sie Kontrollinstrumente des Staates. Facebook ist aus eigenem Antrieb die wichtigste Plattform für Kommunikation im Internet geworden. Was bei Facebook gilt, setzt Standards. Deshalb diskutiert die westliche Welt anhand dieser Firma stellvertretend für alle großen Internetunternehmen die Frage, unter welchen Bedingungen Kommunikation im digitalen Raum stattfindet.“
Ein weiteres bedrohliches Wort führen die Wirtschaftsjournalisten an: "Informationsdominanz“. Verwendet werde der Begriff sowohl im US-Verteidigungsministerium als auch an der chinesischen Militärakademie. Der Infokrieg – längst nicht mehr die Domäne von Medienhäusern.
Dauerthema Rechtestreit
Lesenswert ist auch der Exkurs über Geschäftsmodelle im Internet und die Frage, wie weit Rechte an digitalen, kreativen Gütern reichen können ("Was soll Eigentum an Bits überhaupt heißen?“)
Dass dieses Buch kein versöhnliches Ende findet, ist naheliegend. Der Leser bleibt beunruhigt zurück. Im Gegensatz zu vielen anderen Sachbüchern wird die Debatte aber substanziell geführt und mit Fakten angereichert, wenn auch der Titel etwas reißerisch gestaltet worden ist.
Wer die Debatte 2012 über Onlinerechte, Datenschutz und die Zukunt der (digitalen) Gesellschaft mitgestalten will, sollte dieses Buch lesen.
Den Verlag finden Sie hier online.